Das Versatzspiel mit Farbe und Form
18. September 1999
von Ines Kohl
Landshuter Zeitung

Jeden Tag, wenn es irgend geht, läuft sie spazieren in der Natur, in nächster Umgebung des Hauses in Neufahrn. Renate Selmayr ist in Dachau geboren und auf einem großen Bauernhof aufgewachsen. „Da, wo jetzt alles dicht verbaut ist, haben wir als Kinder noch Heu gemacht”, sagt sie, während wir durchs Erdinger Moos rennen. Über uns kreisen die Flieger in der Warteschleife, neben uns Natur pur, Teiche, Froschtümpel, immer wieder weist sie auf Pflanzen, auf Vögel hin, die sie kennt von den häufigen Spaziergängen.

Renate Selmayr ist Malerin, ihre Bilder sind farbig, prall, sie stecken voller Erfindungen und sind gekennzeichnet von einem umwerfenden Elan vital. Wie die Künstlerin selbst, die bodenständig und so angenehm natürlich wirkt und ganze ohne Affektiertheiten und quasikünstlerisches Gehabe auskommt. Dafür malt sie mit einer Entschlossenheit und Formsicherheit, die einen nur so staunen lässt. Aber auch das nicht so, wie erwartet. Die Künstlerin, in deren Bildern soviel Natur steckt, hat ihr Atelier nicht auf dem Land, sondern in der Großstadt. Renate Selmayr fährt mit der S-Bahn nach München in die Einsteinstraße in ihr kleines Stadtatelier, um zu malen. Nur dort ist sie ungestört, sowohl von familiären Anschlägen wie auch von der Natur. Wenn sie in Neufahrn aus dem Fenster schaut, fühlt sie sich vom Grün in den Garten gezogen. In der Stadt kann sie sich auf die Arbeit konzentrieren, kann Formen frei erfinden; dass die dann häufig wieder an Natur erinnern, ist sicher kein Zufall. Das städtische Umfeld verhindert auch die Entwicklung einer missverständlichen Idylle, so können Motive sich zu ganz überraschenden Bildern fügen. Es gibt so viele Möglichkeiten in der abstrakten Malerei, wie es Aspekte gibt, die Dinge zu betrachten. „Meine Bilder sind inhaltsfrei” sagt Renate Selmayr. Man kann dies glauben oder auch nicht. Die Malerin verschiebt Formen gegeneinander, setzt sie hintereinander, lässt sie sich gegenseitig verdrängen oder grenzt sie scharf gegeneinander ab. Am Ende hält die Bildfläche unverrückbar, das Bild duldet keinen Widerspruch mehr.Der Weg dahin kann manchmal weit sein, gekennzeichnet von mehrmaligem Überarbeite, je nachdem, wie oft so ein Bild dem kritischen Blick zum Opfer fällt. Es kann wochenlang im Atelier herumstehen, vom Künstler schon fast aufgegeben, plötzlich wird es, mit frischem Blick betrachtet, zum Auslöser eines erneuten Anfangs. Es geht, ganz banal, um das Auprobieren von Farben und Formen und wie sie sich zueinander verhalten. Und es steht am Ende, gar nicht banal, ein Bild, von dem man überzeugt ist, dass es anders überhaupt nicht sein könnte, jede auchaufs erste widersinnig wirkende Erscheinung integriert sich selbstverständlich und wird im Bildzusammenhang akzeptiert. Denn es tauchen in den inhaltsfreien Bildern natürlich Inhalte auf, Inhalte, die sich aus den Mitteln und dem,wenn auch noch so unbeabsichtigten Ausdruck ergeben. Renate Selmayrs Malerei lebt durch das irrational Visionäre, durch die vielseitige Deutbarkeit der ungegegenständlichen Form, durch überraschende Wendungen im Bildgeschehen, Vom Handwerk muss man nicht reden, das ist stillschweigend und selbstverständliche Voraussetzung, die dichte Textur der Bildoberfläche ein Gütesiegel der Trögerschule.Dazu kommt ein sicheres Gefühl für Rhythmik und Raum und das Versatzspiel mit Farbe und Form, das die Strategie des synthetischen Kubismus aufnimmt. Zu den abstrakten Formen, die Raum, Rhythmus, auch Bewegung definieren, mischen sich Teile aus dem Formenarsenal der Natur.Es sind biomorph-abstrakte Gebilde, deren Verwendbarkeit sich im Bildvokabular der Malerin bewährt hat und die quasi eine Selmayr`sche Ikonografie buchstabieren, ein reizvolles Bildalphabet, das sie benutzt, um die Wiedererkennbarkeit ihrer Handschrift zu gewährleisten und die Überraschungseffekte neu gefundener Formen zu sichern.

Einerseits abstrakt, andererseits surreal, mit entschlossenem Duktus, zitiert sie als inspirierende Ahnen entfernt noch den abstrakten Expressionismus etwa eines de Kooning und den Erfindungsreichtum eines Hans Arp. Organische Gebilde, an Früchte, Samen, Blätter und Strukturen der Natur erinnernd, fügen sich zu den abstrakten Formen, die die Kulissen abgeben, vor denen diese "inhaltslosen" Erzählungen spielen. Die märchenhaften, manchmal traumhaft geheimnisvollen, auch unheimlichen Geschichten finden wie von selbst zum Bild, und jede dieser Erfindungen entwickelt eine starke Bildpräsenz. Denn Renate Selmayrs Arbeiten haben eine ungemein dichte poetische Struktur, eine ausgeprägte Lebendigkeit, die sie mit einer ganz eigenen Realität ausgestattet erscheinen lässt. Je unerwarteter so eine Objekt auf dem Bild auftaucht, je unglaublicher es erscheint, vogelähnlich, bohnenförmig, an Fruchtstände oder auch – ganz aktuell – an Genformationen erinnernd, desto selbstverständlicher nimmt man seine Anwesenheit wahr. Auf der Bildfläche werden diese irrationalen Welten erfassbar und möglich. Hier erfindet sich die Malerin die Welt neu. Seit einiger Zeit hat Renate Selmayr angefangen, mit Gipsgussformen zu experimentieren, die sie zu stehenden, liegenden, sich in den Raum windenden Objekten zusammenfügt, auch mit anderen Materialien kombiniert, verdrahtet, verschnürt und farbig bemalt zu Ikonen der fast-food-Kultur. Es geht auch hier um das Bauen von Formen und um ihre Bewegung im Raum. Verblüffend und überzeugend ist wiederum die Sicherheit, mit der Renate Selmayr die Möglichkeiten sieht und banales Einwegmaterial zu Objekten werden lässt. Es gibt für sie kein Zweifeln an der Form und so, wie sie dann dasteht, ist auch sie selbstverständlich, ein bisschen frech und herausfordernd. dabei sehr überzeugend. Denn bei allem spielerischen Umgang mit dem Material kommen die plastischen Arbeiten Renate Selmayrs wohl leichtfüßig, aber auch recht hintersinnig daher. Ein wenig spöttische Objekte, Devotionalien unserer Alltagskultur, deren Formen die Künstlerin humorvoll-kritisch hinterfragt.